{"id":46,"date":"2013-02-06T11:48:23","date_gmt":"2013-02-06T10:48:23","guid":{"rendered":"https:\/\/freikaempfer.net\/b\/2013\/02\/06\/ich-bin-taeter\/"},"modified":"2017-09-23T14:18:34","modified_gmt":"2017-09-23T12:18:34","slug":"ich-bin-taeter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freikaempfer.net\/b\/2013\/02\/06\/ich-bin-taeter\/","title":{"rendered":"Ich bin T\u00e4ter."},"content":{"rendered":"<p>Am 25. Januar sa\u00df ich sp\u00e4t abends in der B\u00fccherei und wollte noch eine Reihe von Aufgaben f\u00fcr die Hausarbeit erledigen. Da began auf Twitter der <a href=\"https:\/\/twitter.com\/search\/realtime?q=%23aufschrei&amp;src=hash\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">#aufschrei<\/a>. Tweets, in denen Frauen* ihre Erfahrungen mit \u00dcbergriffen, Bel\u00e4stigungen und Sexismus im Allgemeinen beschrieben haben. Zun\u00e4chst habe ich nur die Tweets gelesen, die durch meine eigene Timeline liefen. Dann habe ich die <a href=\"https:\/\/twitter.com\/search\/realtime?q=%23aufschrei&amp;src=hash\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">#aufschrei<\/a>-Timeline angeklickt und eine gef\u00fchlte Ewigkeit diese Tweets gelesen. Ich war schockiert. Es hatte mich schlichtweg aus den Socken gehauen. Nicht, weil ich nicht wusste was Sexismus ist. Nicht, weil ich solche Situationen als unbedenklich bewertet h\u00e4tte. Es war die Masse der Situationen und vorallem die Masse der Situationen, an die ich mich selbst erinnern kann. Einfach, weil ich solche Situationen auch erlebt habe. Aber als T\u00e4ter. Als Mensch, der Frauen* bedr\u00e4ngte und zu Objekten erkl\u00e4rte.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\"><p>Der Selbsthass den ich Versp\u00fcre, weil ich vor ~5 Jahren auch noch so ein Sexist war <a href=\"https:\/\/twitter.com\/search\/%23aufschrei\">#aufschrei<\/a><\/p>\n<p>\u2014 Freik\u00e6mpfer (@Freikaempfer) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Freikaempfer\/status\/294612025173241856\">January 25, 2013<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Deswegen tr\u00e4gt dieser Blogpost den Titel &#8222;Ich bin T\u00e4ter.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann mich Entschuldigen solange ich will. Kann beteuern, es doch nicht so gewollt zu haben und was nicht alles. Es bringt nichts, weil es nichts ungeschehen macht. Auch kann ich mir nicht im geringsten Vorstellen, wie es ist, Bel\u00e4stigt zu werden. Aufgrund meiner m\u00e4nnlichen Sozialisation kann ich davon berichten, wie es ist sich zu pr\u00fcgeln oder sich mackerhafte Wortgefechte zu liefern. Ich kann davon erz\u00e4hlen, wie es ist mit &#8217;seinen Kumpels&#8216; \u00fcber &#8218;hei\u00dfe Teile&#8216; zu reden. Auch wenn all das bereits einige Jahre zur\u00fcck liegt, macht es das nicht besser. Es wurde mir zuhause genauso Vorgelebt wie in der Schule oder anders wo. Dabei war es auch egal, ob es in diesen Zusammenh\u00e4ngen &#8217;starke Frauen*&#8216; gab oder nicht. Im Sportverein war es z.B. so, dass w\u00e4hrend dem Training Frauen* sich in ihren Leistungen nicht von M\u00e4nnern* unterschieden. Nach dem Training hatten sie dann aber wieder ihre Geschlechterrolle auszu\u00fcben. Als 12-j\u00e4hriger hielt ich sowas f\u00fcr Normal und reproduzierte dieses Verhalten dann auch. Mir wurde beigebracht, dass man Repressalien zu erleiden hat, wenn Mann* sich nicht entsprechend der Norm verh\u00e4lt. Dieses Muster bzw. dieser Druck zog sich durch alles, was mit Freund_innen oder schlicht anderen Menschen zu tun hatte.<br \/>\nMit der Zeit begab ich mich in politische Zusammenh\u00e4nge. Zuerst nur Aktionistisch auf Demos oder au\u00dferhalb dieser. Mit der Zeit dann immer mehr auch theoretisch. Keinesfalls m\u00f6chte oder kann ich mich als Allie bezeichnen. Schon gar nicht als Feminist. Das Einzige, als das ich mich bezeichnen kann, ist als ein T\u00e4ter der verstanden hat warum seine Taten absolute Schei\u00dfe waren\/sind und sich ernsthaft M\u00fche gibt, das abzustellen. Zugegeben, es hat gedauert, bis ich das erkannt habe. Anfangs war ich noch einer von diesen \u00c4rschen, die immer &#8222;ABER M\u00c4NNER WERDEN AUCH DISKRIMINIERT&#8220; gerufen hat. Auch habe ich Spr\u00fcche gebracht wie &#8222;Ich wurde von meiner Mutter erzogen, deswegen kann ich gar kein Sexist sein&#8220; und \u00e4hnlichen Mist. Sicherlich bin ich auch jetzt noch in bestimmten Situation ein Creep, aber ich arbeite daran und versuche so gut es geht mein Verhalten zu reflektieren.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\"><p>Ja, ich bin ein Biologist! MUHAHAHAHAHAHAHA&#8230;..<\/p>\n<p>\u2014 Freik\u00e6mpfer (@Freikaempfer) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Freikaempfer\/status\/17570568144429056\">December 22, 2010<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Vor 3 Jahren habe ich diesen Tweet geschrieben. Dank dem Twitter-Archiv habe ich ihn wieder gefunden. Damals war ich der \u00dcberzeugung, das es festgeschriebene biologische Unterschiede zwischen Menschen, vorallem zwischen Geschlechtern, g\u00e4be. Das diese Annahme falsch war, habe ich mittlerweile begriffen. Auch, dass das Argument &#8222;In der Steinzeit sind die M\u00e4nner jagen gegangen und die Frauen haben auf den Nachwuchs aufgepasst&#8220; ziemlicher Bl\u00f6dsinn ist und au\u00dfer in der beschr\u00e4nkten Vorstellung von Pseudo-Wissenschaftler_innen gar nicht existiert.<\/p>\n<p>Als ich anfing, diesen Post zu schreiben, hatte ich noch vor Situationen zu schildern, in denen ich T\u00e4ter war. Jetzt allerdings denke ich, lasse ich das. Es macht, f\u00fcr mich, keinen Unterschied ob ein \u00dcbergriff, eine Bel\u00e4stigung oder anderes von einem T\u00e4ter oder von einer Betroffenen beschrieben wird. In beiden F\u00e4llen bleibt es die selbe Schei\u00dfe. Dabei ist es, f\u00fcr mich, auch vollkommen irrelevant ob der T\u00e4ter die Situation mit einem &#8222;Boah bin ich geil&#8220; Unterton beschreibt oder eben nicht. Schei\u00dfe bleibt Schei\u00dfe, auch wenn man Glitzer dar\u00fcber sch\u00fcttet.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\"><p>Was ich mit einer Zeitmaschine machen w\u00fcrde? 5 Jahre zur\u00fcck reisen und meinem damaligen Ich ordentlich das Fressbrett rampunieren.<\/p>\n<p>\u2014 Freik\u00e6mpfer (@Freikaempfer) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Freikaempfer\/status\/289439363861987329\">January 10, 2013<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Tweet ist nicht ironisch gemeint und soll auch kein Witz sein. Er soll nicht f\u00fcr lacher sorgen und keinen satirischen Selbsthass darstellen. Damit will ich einfach nur ausdr\u00fccken, was ich von meinem eigenen Verhalten von vor 5 Jahren halte.<br \/>\nDieser Tweet entstand, als ich dar\u00fcber nachdachte wie ich eine Freundin kennenlernte. Zu dieser Zeit war ich noch jemand, der Frauen* in erster Linie als Sexualpartnerinnen betrachtet hat. Dementsprechend war mein Verhalten gepr\u00e4gt. Frauen* wurden von mir immer in &#8222;Attraktiv&#8220; und &#8222;Unattraktiv&#8220; eingeordnet. Ebenso diese Freundin. Wir lernten uns auf einer Versammlung einer politischen Organisation kennen. Auf eine Nachfrage hin hatte ich mich als Fahrer angeboten. W\u00e4hrend der Fahrt riss ich dann &#8218;Witze&#8216; \u00fcber Frauen*quote und Frauen*wahlrecht. Mit dem Verweis auf meinen ironisch, satirisch, schwarzen Humor ignorierte ich schlichtweg, dass niemand lachte. An diesem Tag sind wir keine Freund_innen geworden. R\u00fcckblickend betrachtet ist an diesem Tag aber die Idee entstanden, mich doch mal selbst zu reflektieren. Zun\u00e4chst eher wegen der Tatsache, dass so ziemlich niemand \u00fcber meinen Humor lacht. Mit der Zeit ging es dann um die Frage, warum ich etwas lustig finde und ob das \u00fcberhaupt lustig ist. Sp\u00e4ter traf ich sie dann wieder. Durch Zufall. Heute z\u00e4hle ich sie zu einer meiner besten Freund_innen. Sie ist jemand, die meine Selbstreflektion unregelm\u00e4\u00dfig anheizt. Zum einen, weil sie mir auch gerne mal verbal voll in die Fresse schl\u00e4gt. Zum anderen, weil ich auch von ihrer Selbstreflektion lerne.<br \/>\nErinnerungen an mein damaliges Verhalten schiebe ich gerne in irgendwelche Ecken meines Kopfes und lasse sie dort verstauben. Zwar sind meine alten Verhaltensmuster ein Teil von mir, der mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin und was ich in der Zukunft sein werde. Aber wer erinnert sich schon gerne an sowas? Daran, Dinge getan zu haben f\u00fcr die man heute andere Menschen (verbal) angreift (oder es zumindest gerne tun w\u00fcrde). Dann rede ich mir gerne ein, ich k\u00f6nne ja durch meine Erfahrungen mich in andere Menschen hineinversetzen und h\u00e4tte dadurch einen argumentativen Vorteil in Diskussionen. Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht auch nicht. Wahrscheinlich stimmt es nicht und ist nur eine Strategie um mit sich selbst im Reinen zu bleiben.<\/p>\n<p>In meinem Verhalten als T\u00e4ter war ich mir dessen nicht bewusst. Ich war nicht so, weil ich Frauen* gezielt schlecht behandeln wollte. Trotzdem habe ich es getan. Trotzdem habe ich immer wieder meine m\u00e4nnlichen Privilegien daf\u00fcr benutzt um Frauen* zu bedr\u00e4ngen. Es geht hierbei nicht darum, sich von irgendjemand erkl\u00e4ren zu lassen, warum das eigene Verhalten schei\u00dfe ist. Es geht darum, sich selbst von Verhaltensmustern frei zu machen, die Frauen* bel\u00e4stigen. Bis ich verstanden habe, das es nicht die Aufgabe von Frauen* ist, mir zu erkl\u00e4ren warum denn genau dieses Verhalten gerade in diesem Moment von mir Schei\u00dfe war\/ist, hat es auch gedauert. Sich selbst zu hinterfragen, sein eigenes Handeln ebenso kritisch zu betrachten wie man es bei anderen Menschen tut, wirkt. Selbstreflektion ist etwas, das erst gelernt werden muss und nie ausgelernt ist. Wie das meiste im Leben ist auch das nicht einfach. Es ist aber M\u00f6glich und alleine deshalb sollte man es tun. Im Sport, im Beruf, in der Schule oder sonst wo, hinterfragt man sich auch. Sowas wird dann &#8218;Feedback&#8216; genannt oder &#8218;Strategieanalyse&#8216; oder \u00e4hnlich. Wenn im Fu\u00dfball z.B. das vergangene Spiel vor dem Fernseher von einer M\u00e4nner-Bande mit Bier in der Hand kritisiert wird. Was die Spieler h\u00e4tten besser machen k\u00f6nnen um die andere Mannschaft zu schlagen. All das ist Reflektion. Man muss es &#8217;nur&#8216; auf sich selbst anwenden. Bevor ich das getan habe, musste ich erst mehrmals darauf gesto\u00dfen werden. Es reicht nicht, sich Kritik an der eigenen Person anzuh\u00f6ren. Man muss auch \u00fcber diese Kritik nachdenken. Denn es ist leicht, eine Kritik als ungerechtfertigt oder falsch abzutun. Dadurch sch\u00fctzt man sich selbst um sich nicht eingestehen zu m\u00fcssen, dass man etwas falsch gemacht hat oder haben k\u00f6nnte. Auch wenn es etwas ist, das einem von Kindheit an eingetrichtert wurde.<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"center\">&#8222;Man f\u00fchrt nicht mehr genug Selbstgespr\u00e4che heutzutage. Man hat wohl Angst, sich selbst die Meinung zu sagen.&#8220;<br \/>\n&#8211; <a href=\"http:\/\/www.nur-zitate.com\/zitat\/3063\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jean Giraudoux<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dieses Zitat spiegelt sehr gut die Erkenntnis wieder, zu der ich mit der Zeit gekommen bin. Als Mensch, als Individuum mit der F\u00e4higkeit mir meiner Bewusst zu sein, ist es mir M\u00f6glich mich entwickeln zu k\u00f6nnen. Und ich hoffe, das es genug T\u00e4ter gibt, die das tun werden.<\/p>\n<p>Ich bin froh, das ich die M\u00f6glichkeit habe, \u00fcber mein gesagtes erneut nachzudenken. Auch, wenn gesagtes bereits l\u00e4nger zur\u00fcck liegt. Meine Taten neu zu hinterfragen macht diese nicht Ungeschehen oder Entschuldigt sie. Aber es gibt mir die M\u00f6glichkeit, zu verhindern das ich wieder so handele. Auch, um zu verhindern das andere die selben Fehler machen wie ich.<br \/>\nHoffentlich konnte ich mit diesem Blogpost ein paar M\u00e4nnern* und\/oder T\u00e4tern zeigen, dass man(n) nicht still stehen muss, sondern sich auch entwickeln kann bzw. sollte. Wenn man etwas kritisiert oder shitstormed hei\u00dft das nicht, das man sich damit Auseinandersetzt. Sondern nur, das man es ablehnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 25. Januar sa\u00df ich sp\u00e4t abends in der B\u00fccherei und wollte noch eine Reihe von Aufgaben f\u00fcr die Hausarbeit erledigen. Da began auf Twitter der #aufschrei. Tweets, in denen Frauen* ihre Erfahrungen mit \u00dcbergriffen, Bel\u00e4stigungen und Sexismus im Allgemeinen beschrieben haben. 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