{"id":89,"date":"2016-09-05T13:32:34","date_gmt":"2016-09-05T11:32:34","guid":{"rendered":"https:\/\/freikaempfer.net\/b\/2016\/09\/05\/anarchistisches-sommercamp-ein-bisschen-urlaub-im-august\/"},"modified":"2017-09-23T13:53:49","modified_gmt":"2017-09-23T11:53:49","slug":"anarchistisches-sommercamp-ein-bisschen-urlaub-im-august","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freikaempfer.net\/b\/2016\/09\/05\/anarchistisches-sommercamp-ein-bisschen-urlaub-im-august\/","title":{"rendered":"Anarchistisches Sommercamp &#8211; Ein bisschen Urlaub im August"},"content":{"rendered":"<p>Vor ca. zwei Wochen ging das anarchistische Sommercamp 2016 in \u00d6sterreich zu Ende. Es war mehr Sommer als anarchistisch. Die Orga-Gruppe ist, bezugnehmend auf den Aufruf, dazu angetreten, eine Woche lang &#8222;die Anarchie&#8220; zu leben. Ganz nach dem Motto &#8222;Vivir la Utopia!&#8220;. Es wurde angek\u00fcndigt, dass die Orga-Gruppe sich um die grundlegende Infrastruktur k\u00fcmmern werde. Das es alles n\u00f6tige geben wird, was das anarchistische Herz begehrt. Nun ja, es gab so einiges. Das Camp fand auf einem Party-Bauernhof (wenn ich das richtig interpretiert habe) statt. Es gab gro\u00dfe Wiesen zum Campen, sogar mit Schatten. Eine K\u00fcFa war organisiert, Unisex- und FLTI*-Toiletten, eine (kalte) Naturdusche, aber auch eine warme. Was mich sogar ziemlich \u00fcberrascht hat: Es gab Laptops, einen Drucker und freies WLAN auf dem ganzen Gel\u00e4nde. Da h\u00e4tte ich mir gar keine SIM-Karte auf dem Weg kaufen brauchen.<\/p>\n<p><strong>Alles andere&#8230;naja<\/strong><br \/>\nWas den ganzen Rest angeht: Es war halt eine Woche Urlaub. Wer genau das erwartet hat, wurde sicherlich nicht entt\u00e4uscht. F\u00fcr Leute, die tats\u00e4chlich ein politisches Camp erwartet hatten (wie ich), war es wohl eine ziemliche Entt\u00e4uschung. Ich f\u00fcr meinen Teil war jedenfalls sehr entt\u00e4uscht. Angefangen beim Programm. Es wurde, wie angek\u00fcndigt, &#8222;flexibel&#8220; organisiert. Online konnten sich Leute im Vorfeld melden und Workshops\/Seminare\/Vortr\u00e4ge\/Whatever anmelden. Diese wurden dann in einem Online-Programm gelistet. Als ich auf dem Camp ankam war davon keine Rede mehr. Die Holztafeln, an denen das jeweile Tagesprogramm aushing, waren leer. Eigentlich hatte ich erwartet, dass das Online-Programm dort aush\u00e4ngt. Umh\u00e4ngen w\u00e4re dann ja immer noch m\u00f6glich gewesen. Aber so frage ich mich, weswegen dann eigentlich im Vorfeld nach Programm-Punkten gefragt wurde.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist meine komplette Kritik, schon an dieser Stelle, auf den Knackpunkt &#8222;Kommunikation&#8220; zur\u00fcckzuf\u00fchren. Jene fand n\u00e4mlich, in meinen Augen, zu wenig statt. Zwar gab es Info-Tafeln, an denen die Listen f\u00fcr die verschiedenen Schichten (Sp\u00fclen, K\u00fcchenhilfe, Putzen, etc.) oder Mitfahr-Angebote und -Gesuche hingen. Aber ich f\u00fchlte mich einfach nicht informiert. Auch hatte ich nicht den Eindruck, das andere Teilnehmer_innen auf dem Camp sonderlich viel Interesse an Informationen hatten.<\/p>\n<p>Ich zuckte ja auch zusammen, als ich ein Schild sah, auf dem stand (sinngem\u00e4\u00df): <\/p>\n<blockquote><p>\u00bbBitte gehe auch auf Leute zu und sprich sie an. So k\u00f6nnen wir auch sch\u00fcchterne Leute integrieren.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Was soll so ein Mist?! Ich w\u00fcrde mich jetzt nicht unbedingt als Sch\u00fcchtern oder so bezeichnen. Aber ich grenze mich sehr gerne von Leuten ab. Wenn ich z.B. beim Essen sitze und jemand fragt \u00bbIst das noch frei?\u00ab antworte ich ehrlich. Wenn die Person mich dann aber versucht in ein Gespr\u00e4ch zu verwickeln, antworte ich erstmal kurz. In der Hoffnung, die Person l\u00e4sst es dann sein. Und wenn nicht, antworte ich einfach gar nicht mehr oder gehe sogar weg. Und dann hat mir diese Person die n\u00e4chsten zwei-drei Stunden versaut. Also: Solche Schilder sind vielleicht nett gemeint, aber totale Schei\u00dfe.<\/p>\n<p>Was mir aber vor allem fehlte, war ein t\u00e4gliches Plenum. Ok, am Dienstag oder so fing ein kleines &#8222;Info-Plenum&#8220; an. Aber trotzdem fehlte mir was. Und zwar Information. Information \u00fcber Workshops. Vielleicht ist es einfach nur meine Gewohnheit von anderen Camps. Bisher konnte ich di:en Teamer_in eines Workshops, der mich interessierte, immer ansprechen und mal ein paar Sachen fragen. Auf dem ACamp war das schlicht nicht m\u00f6glich. Wenn ich es auf den Programm-Zettel geschrieben h\u00e4tte, h\u00e4tte ich vermutlich dennoch keine Antwort bekommen. Und mich bei 20 Leuten durchzufragen \u00bbWei\u00dft du wer diesen Workshop macht?\u00ab hatte ich erst recht keinen Bock. Auf anderen Camps stellten sich Teamer_innen am Abend des Vortags kurz vor und erz\u00e4hlten zwei-drei S\u00e4tze zu ihrem Workshop. Wenn dann noch Fragen waren, konnten die (w\u00e4hrend oder nach dem Plenum) gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>Ach ja, die Programm-&#8222;Zettel&#8220;. Das waren wohl eher &#8222;Fetzen&#8220;. In der Regel hingen diese ziemlich durcheinander an der Programm-Tafel. \u00dcberwiegend in unleserlicher\/schwer zu lesender Handschrift verfasst. Und fast immer fehlte Zeit und\/oder Ort. Bei den meisten Zetteln dachte ich mir nur \u00bbAja, da ist wem also alles egal. Danke f\u00fcr Nichts!\u00ab. Das diese Zettel zum Teil auch eher nicht beachtet wurden, zeigt folgende Begebenheit:<\/p>\n<blockquote><p>\nIch sitze im Haus in der Laptopecke mit meinem Laptop und bereite die Pr\u00e4sentation f\u00fcr meinen Vortrag vor. Eine Person sitzt neben mir, ebenfalls am eigenen Laptop.<br \/>\nPerson: *guckt auf meinen Bildschirm* *tippt mich an* \u00bbKann ich fragen, was du da machst?\u00ab<br \/>\nIch: *nehm die Kopfh\u00f6rer ab* \u00bb\u00c4h ja, klar. Ich bereite meinen Vortrag zu Datensicherheit und Verschl\u00fcsselung vor.\u00ab<br \/>\nPerson: \u00bbAch, du machst einen Vortrag dazu?! Das ist ja gut. Sowas hatte mir hier gefehlt und deswegen hatte ich vorhin angefangen, was vorzubereiten. Aber wenn du das machst, dann muss ich mich da ja nicht drum k\u00fcmmern.\u00ab<br \/>\nZu diesem Zeitpunkt hing meine gut leserliche und, wie ich finde, informative Ank\u00fcndigung bereits seit zwei Tagen an der Programm-Tafel.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Ok, das ist jetzt ein sehr konkretes Beispiel und diese Situation werden vermutlich nur sehr wenige Andere erlebt haben. Dennoch wollte ich es anbringen. Als eine Art Beispiel-Beispiel f\u00fcr das, was die Menschen auf dem ACamp nach meiner Ansicht tats\u00e4chlich gemacht haben:<br \/>\nSie sind zu einem Sommercamp gefahren und hab es sich in ihrer Bubble gut gehen lassen. Fertig!<\/p>\n<p><strong>Verbessungsvorschl\u00e4ge<\/strong><br \/>\nDon&#8217;t do it again! Oder wenn: K\u00fcndigt nicht an, das ihr irgendetwas ausprobieren wollt. Denn ausprobiert wurde auf dem ACamp rein gar nichts.<\/p>\n<p><strong>Mein ganz pers\u00f6nliches Fazit:<\/strong><br \/>\nJa ja, dieser ganze Text ist schon pers\u00f6nlich. Trotzdem hier nochmal ein ganz pers\u00f6nliches Fazit.<br \/>\nIch hatte eine nette Woche auf dem ACamp. Es war warm und sonnig (manchmal zu viel von beidem) und es gab Internet. Aber es war auch das erste Camp, auf dem ich nicht das Gef\u00fchl hatte, mich n\u00fctzlich machen zu m\u00fcssen (was ich schlecht finde, denn ich mache mich eigentlich gerne n\u00fctzlich). Denn vorallem wusste ich einfach nicht, wo Hilfe gebraucht wird (immer nur in der K\u00fcche helfen, ist auch nicht cool). Aber ich habe auch niemanden kennengelernt. Was eigentlich nicht Schade ist, aber es h\u00e4tte mich doch sehr interessiert, was andere Menschen denken. Und ich f\u00fcr meinen Teil konnte mich exakt so auf dem ACamp verhalten, wie ich es auch in meinem Alltag mache. Ausprobiert wurde deswegen aus meiner Sicht rein gar nichts. Es war wie ein Festival. Nur, das es Workshops statt Musik gab. Ein bisschen froh bin ich ja dann doch dar\u00fcber, das ich nicht eine betrunkene Person gesehen habe, obwohl Alkohol verkauft wurde. Ok, das liegt vermutlich daran, das ich recht fr\u00fch schlafen gegangen bin. Dennoch ein positiver Aspekt.<\/p>\n<p><strong>Andere Kritiken:<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/a-o-ks.org\/2016\/09\/03\/ein-kurzer-sommer-der-anarchie-oder-wie-meine-brueste-zum-ersten-mal-das-sonnenlicht-sahen\/\" target=_blank>Ein kurzer Sommer der Anarchie \u2013 oder: Wie meine Br\u00fcste zum ersten Mal das Sonnenlicht sahen<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/dasmaedchenimpark.org\/2016\/09\/04\/eine-reise-ohne-rueckfahrtschein\/\" target=_blank>Eine Reise ohne R\u00fcckfahrtschein<\/a><\/p>\n<p><strong>Ach ja, mal kurz zu meinem Anarchie-Begriff<\/strong><br \/>\nIch werde niemals in einer Anarchie leben k\u00f6nnen. Ebenso kann niemals ein Mensch, der vor Beginn einer Anarchie aufgewachsen ist und gelebt hat, in einer Anarchie leben. Denn &#8222;Anarchie&#8220; bedeutet f\u00fcr mich vor allem einen Neuanfang hinzulegen. Das Konstrukt &#8222;Menschheit&#8220; komplett zu zerst\u00f6ren und die &#8222;alte Welt&#8220;(etwas pathetisch, ich wei\u00df) im Fundament zu vernichten. Alles andere ist f\u00fcr mich nur Reformismus. Deswegen kann &#8222;Anarchie&#8220; zwar in der heutigen Gesellschaft ausprobiert werden. Aber auch nur bedingt um erste Erkenntnisse zu sammeln. Was dann allerdings auch nicht hei\u00dft, das in einer Anarchie auch so gelebt wird wie es ausprobiert wurde. Das bleibt dann denen \u00fcberlassen, die in einer Anarchie leben. Und das einzige, was ich tun kann, ist, die heutige Welt zu zerlegen und denen, die in eine &#8222;Zeit danach&#8220; hineingeboren werden, einige wenige Ansichten (wie z.B. Solidarit\u00e4t, Respekt, Kooperation) mitzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ca. zwei Wochen ging das anarchistische Sommercamp 2016 in \u00d6sterreich zu Ende. Es war mehr Sommer als anarchistisch. 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