Polizeigewalt und Gegengewalt

Da lese ich mal wieder ein bischen in diesem Internet. Öfter kommen mir dabei Artikel, Tweets, Nachrichten oder sonstige Texte unter, in denen es um Polizeigewalt geht. Wo geklagt wird, wie unverhältnismäßig hart Polizist_innen gegen Menschen vorgehen und diese dabei verletzen. Nicht nur in Deutschland. Auch in anderen Teilen der Welt. Zum Teil am anderen Ende der Welt.
Auf der anderen Seite gibt es auch Texte über Gewalt gegen die Polizei. An dieser Stelle äußern sich besondern gerne Lobby-Verbände wie die „Gewerkschaft der Polizei“ und fordern eine bessere Ausrüstung für die Polizei. Meines Wissens wird nie eine bessere Ausbildung gefordert. Aber egal. Bei Gewalt gegen die Polizei wird als Grund fast immer die schlechte Ausrüstung gesehen. Das die Polizist_innen deswegen bestimmte notwendige Handlungen nicht hätten durchführen können, ohne sich dabei einem erheblichen Gesundheitsrisiko auszusetzen.

Jetzt kommt das, für mich, interessante: Die Schuld für das Geschehene wird immer der Gegenseite gegeben. Die Polizei rechtfertigt sich für ihr hartes durchgreifen, indem gesagt wird, die Betroffenen seien halt nicht kooperativ gewesen. Menschen, die Gewalt gegen die Polizei ausgeübt haben, rechtfertigen sich damit, das die Polizist_innen überreagiert haben (oder sagen gar nichts, was besser ist).

Dazu nun meine Frage:
Kam eigentlich schon einmal jemand auf die Idee, einen Zusammenhang zwischen Polizeigewalt und Gewalt gegen die Polizei zu untersuchen?

Mir persönlich stellt sich eine Verbindung als durchaus wahrscheinlich dar. Denn je besser ein_e Polizist_in ausgerüstet ist, desto gewalttätiger würde si:er wahrscheinlich gegen mutmaßliche Störende vorgehen. Die Hemmschwelle sinkt, weil eins bewusst ist, das nicht viel passieren kann. Auf der anderen Seite dürfte eine Person, die sich (aus welchen Gründen auch immer) von der Polizei angegriffen fühlt bzw. angegriffen wird, zu härteren Mitteln greifen um sich selbst zu verteidigen. Denn wenn ein_e Polizist_in mit einer mehrere kg schweren Schutzausrüstung bedrohlich und schreiend auf eins zugerannt kommt, bringt ein dicker Pflasterstein mehr als ein Kieselstein.

Die Sichtweise
Aufgrund meiner Lebensrealität kann ich das nur aus der Sichtweise des links-politischen Demonstranten* begutachten. Ich habe schon Dinge wie Flaschen, Steine, dicke Stöcke und anderes hartes Material auf Polizist_innen geworfen. Aber eben nur auf jene, die ihre volle Panzerung trugen. Das hat damit zu tun, das ich in der Regel das tue, was nötig ist, um einen Angriff der Polizei zu entgegnen. Wenn ich es mit Polizist_innen zu tun habe, die keinen Helm tragen bzw. eher die typischen Streifenpolizist_innen sind, dann greife ich auch eher auf so Sachen wie Schubsen oder Bein-stellen zurück. Vielleicht auch mal ein Tritt in die Bauchgegend.

Der Punkt ist, das ich dieses Verhalten auch bei anderen Personen beobachte. Je unverwundbarer di:er Polizist_in wirkt (nicht ist, sondern wirkt), desto härtere Mittel werden gewählt. Deswegen vermute ich, das Polizist_innen ähnlich denken. Je unverletzlicher sie sich fühlen, desto härter gehen sie gegen andere vor. Dabei muss es dann nicht einmal nur um die Panzerung gehen. Hilfsmittel wie Pfefferspray, der Schlagstock, die griffbereite Waffe oder einfach das mackerhafte und prollige auftreten spielen da mit rein.

Also…
…kennt jemand zufällig Studien oder sonstige Arbeiten, die sich mit diesem Thema auseinander setzen? Wenn ja, gerne als Comment. Würde mich sehr interessieren, ob es zwischen Hochrüstung und Anforderung an die Ausrüstung zusammenhänge gibt.

Ein Zitat

Die Menschen, so Landauer, können diesem Dilemma nur entkommen, wenn sie selbst »zur Einsicht und zur inneren Unmöglichkeit, so weiter zu leben, gekommen sind […].« (Landauer III, S.116[1]) Um aber die »innere Unmöglichkeit« zu verspüren, müssen die Menschen die Pseudo-Individualität, die ihnen das kapitalistische System aufgedrückt hat, abstoßen um zur eigentlichen Individualität vorzudringen; sie müssen sich der seichten »Spaßgesellschaft« entziehen; sie können sich der »Spaßgesellschaft« verweigern, wenn sie begreifen, dass sie unterdrückt sind. Sich von dieser Kette zu lösen, ist letzlich eine individuelle und kollektive Aufgabe der Individuen. Die in den autoritären Gesellschaften lebenden Menschen können ihre autoritären Verhaltensweisen nur abschütteln, wenn sie erkennen, dass sie die »Gesellschaft« sind, wenn sie sich als autonome Individuen in ihrer Gesellschaft bewegen.
Quelle: Anarchismus, 2. Auflage, 2008, S. 197f [2]


[1] Landauer, Gustav: Revolution. Einleitung Harry Pross. Nachwort Erich Mühsam, Berlin 1974
[2] http://www.theorie.org/titel/590_anarchismus_3_aufl
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EinKLAUfen – Praktischer Antikapitalismus

Der Ladendiebstahl ist, wie alles andere auch, eine Aktion. Hierbei geht es vor allem um die politische Aktion des Ladendiebstahls. Und deswegen steht zu Beginn erst einmal eine theoretische Betrachtung der Aktion an. Also die Frage nach dem „Warum?“. Später erst kommen einige (unvollständige) Tipps für die Praxis. Allerdings soll es auch um die Grenzen der politischen Aktion gehen. Da die Aktion des Ladendiebstahls, meines Erachtens, nahtlos in die Reproduktion von Kapitalismus und Konsum übergehen kann, widme ich mich auch dieser Angelegenheit.

Auf Anfang: Was ist »Ladendiebstahl« eigentlich?
Das Wort Ladendiebstahl ist, juristisch betrachtet, im Sammelbegriff des Diebstahl untergebracht. Dieser wird im Strafgesetzbuch (StGB) im §242 geregelt.

§242 Strafgesetzbuch

(1) Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Der Versuch ist strafbar.

Quelle: [1] http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__242.html

Bezogen auf Ladendiebstahl handelt es sich also um eine Straftat, welche dadurch erfüllt wird, dass eine Person in einem Ladengeschäft(REWE, Aldi, Lidl, etc.) eine oder mehrere Waren an sich nimmt ohne diese anschließend an der Kasse zu kaufen. Dabei wird „kaufen“ allgemein definiert als eine Aktion mit min. 2 Beteiligten, wobei eine Person(Verkäufer_in) einer anderen Person(Käufer_in) eine Sache(Ware) für (meist) Geld überlässt. Dabei besteht von beiden Personen jeweils die Willenserklärung zum Verkauf sowie zum Kauf der Sache. Di:er Verkäufer_in kann also di:en Käufer_in nicht zum Kauf einer Sache zwingen. Ebenso kann di:er Käufer_in di:en Verkäufer_in nicht zum verkauf zwingen. In Unternehmen wird die stillschweigende Willenserklärung an der Kasse vorausgesetzt. Das (Kassen-)Personal eines Ladengeschäftes nimmt dabei stellvertretend für das Unternehmen die Rolle des_der Verkäufer_in ein. Das Anbieten der Ware zum Kauf wird hierbei als Willenserklärung zum Verkauf seitens des Unternehmens gewertet. Das Vorlegen der Ware an der Kasse durch di:en Käufer_in dann entsprechend als Willenserklärung zum Kauf. Zu beachten ist, das Preisauszeichnungen nicht Teil des an der Kasse entstehenden Kaufvertrages sind. Juristisch gilt der Preis, der an der Kasse durch das Kassensystem angezeigt wird. Ein_e Käufer_in kann an der Kasse noch immer von der Kaufabsicht für eine Ware zurücktreten. Wenn der Preis am Regal nun von dem Preis an der Kasse abweicht und das Unternehmen dann den günstigeren (Regal-)Preis berechnet, ist das zu 100% Kulanz, also freiwillig. Nach Beenden des Bezahlvorganges ist der Kaufvertrag dann geschlossen. An der Kasse ist das in der Regel dann der Fall, wenn der Kassenbon gedruckt und an di:en Käufer_in ausgehändigt wurde. Da es aber in manchen Ladengeschäften (REWE z.B.) nicht immer einen Kassenbon gibt, gilt für den Vertragsabschluss das widerspruchslose Bezahlen der Ware.

Der Ladendiebstahl findet also dann statt, wenn eine Ware absichtlich aus dem Ladengeschäft gebracht wird, ohne sie zu kaufen.

»Nicht nur versuchter, sondern bereits vollendeter Diebstahl liegt häufig beim Ladendiebstahl vor, wenn der Täter[sic!] die Ware aus der Auslage entnimmt und an seinem Körper, in seiner Kleidung oder mitgeführten Taschen verbirgt.«
Quelle: [2] http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/recht-a-z/22017/diebstahl

Außerdem interessant:
Juristisch betrachtet gibt es Unterschiede zwischen »Eigentum« und »Besitz«. Der Unterschied dabei ist rein formal. Di:er „Eigentümer_in“ ist die Person, welche juristisch betrachtet die Gewalt über etwas hat. Das ist z.B. die Autovermietung, die über ihre Auto-Flotte bestimmen darf. Di:er „Besitzer_in“ hingegen ist immer die Person, welche die unmittelbare Gewalt über etwas hat. Also z.B. di:er Mieter_in eines Autos, da si:er das Auto auch einfach zerstören kann. Personen können auch „Eigentümer_in“ und „Besitzer_in“ zeitgleich sein. So z.B. wenn eine Person den eigenen Laptop bei sich hat. Zudem ist es juristisch nicht Möglich, das gestohlenes Eigentum di:en Eigentümer_in wechselt. Ein Eigentümer_innenwechsel kann nur durch Vertrag stattfinden (z.B. Kaufvertrag oder Schenkungsvertrag).

Weiter: Wieso / Weshalb / Warum
Natürlich sollte sich die Frage stellen, warum die Aktion des Ladendiebstahls eigentlich durchgeführt wird / werden soll. Einen netten, aber ziemlich kurzen, Ansatz hat dabei di:er Schreiber_in dieses Indy-Artikels[3] im Januar 2003 gehabt. Nachfolgend gehe ich auf die dort gestellten Fragen genauer ein. Die folgenden Zitate stammen aus besagtem Indy-Artikel.

Wer ist der/die betreffende AktivistIn? […]
Ist nicht das politische Bewusstsein sondern der soziale Status das entscheidende?

Diese Frage ist eine, meines Erachtens, sehr wichtige Frage. »Wer führt die Aktion warum durch?«.
Darüber kann nun, wenn gewollt, ausgiebig diskutiert werden. Meiner Meinung nach ist die Frage nach dem warum allerdings wichtiger. Die Motivationen sind sicherlich so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Deswegen kategorisiere ich diese Motivationen binär in „politisch“ und „unpolitisch“. Das ist gewiss etwas flach. Dadurch lassen sich jedoch Grenzen der politischen Aktion des Ladendiebstahls besser ziehen. Es ist vor allem wichtig, ob di:er Aktivist_in die Aktion durchgeführt hat, um sich selbst zu unterstützen oder um anderen diese Unterstützung zukommen zu lassen. Dabei ist als nächstes die Frage nach der Situation deren, die diese Unterstüzung erhalten. Wenn di:er Aktivist_in also sich selbst unterstützen will, ist die Frage nach der Situation. Angenommen, si:er ist Auszubildende_r. Die Ausbildungsvergütung reicht aber nur für eine akzeptable Wohnung, Strom/Heizung und „das Nötigste“*. Da es in einer solchen Situation oft wichtig ist an allen (un-)möglichen Ecken zu sparen, halte ich den Ladendiebstahl für gerechtfertigt. Erwebslose, Harz-IV-Bezieher_innen, Aufstocker_innen und welche Namen von Armut betroffene sonst noch vom Staat bekommen haben, haben in meinen Augen ohnehin eine Rechtfertigung für den Ladendiebstahl.
Personen, welche Ladendiebstahl allerdings nur aus Spaß und nicht aus einer Not heraus betreiben, halte ich nicht für politische Aktivist_innen. Da kommen wir dann jetzt zur Frage nach dem wer. Hat die Person, welche den Ladendiebstahl durchführt, einen »Luxus-Hintergrund«? Stammt also aus einem Verhältnis, in dem si:er keinerlei finanziellen Sorgen kennt und möchte mit dieser Aktion evtl. nur gegen die allumsorgende elterliche Hand rebellieren.

Das Wer und das Warum sind etwas vermischt. Deswegen gehe ich jetzt nochmal darauf ein, warum das warum wichtiger als das wer ist. Denn es kann ja sein, das eine Person mit einem »Luxus-Hintergrund« den Ladendiebstahl begeht, die angeeigneten Waren dann aber anderen zukommen lässt, die sich diese nicht leisten können. Dieser Fall wäre für mich wiederrum ok. Das Warum wiegt also schwerer als das Wer, wobei das Wer weniger Interessant wird, wenn das Warum ok ist. Selbstverständlich kommen wir damit in den Bereich der Privilegien und dem durch die eigene Aktion unsichtbar-machen von Betroffenen. Diese Diskussion möchte ich allerdings an dieser Stelle nicht führen.

*Da es sich hierbei um einen höchst subjektiven Begriff handelt, will ich ihn hier kurz definieren: Gemeint ist eine Lebenssituation, welche es einer Person ermöglicht, Vorrausschauend zu handeln. Eine Person sich also nicht den Kopf zerbrechen muss, ob im Folgemonat das Geld ausreicht um Miete/Strom/Heizung zu bezahlen. Das Geld allerdings auch nicht aussreicht, um ein eigenes Auto zu finanzieren, Urlaub zu machen oder größere Anschaffungen zu machen(z.B. neuer PC/Laptop, Waschmaschine). Alles in Allem ist ein monatliches Einkommen von ca. 900€ gemeint, welches zwar ein Überleben (aka Reproduktion der Arbeitskraft) zulässt, allerdings Vergnügen fast komplett ausklammert.

Macht es einen Unterschied in der Betrachtung, welchem/r KapitalsitIn/En geschadet wird[sic!] […]

Diese Frage würde ich grundsätzlich mit einem ‚Nein‘ beantworten. Kapitalismus ist Kapitalismus, egal ob nun von einer Handelskette oder einem Kiosk durchgeführt. Dennoch ist es ratsam, etwas über das Unternehmen zu wissen, welches Ziel der politischen Aktion ist / sein soll. Das hilft auch im Falle, die Aktion außerhalb des eigenen politischen Kreises rechtfertigen zu wollen / müssen.

Bildet es fuer die beantwortung der eingangs gestellten Frage einen Unterschied, was enteignet wird – ein Grundnahrungsmittel, ein Computerspiel, ein Luxusgut?
[…]
Wo ziehen wir die Grenze zwischen „Luxus“ und dem Rest?
[…]

Jetzt kommen wir zu einem, meines Erachtens, wichtigen Knackpunkt: Wenn ich ein Handy stehle, ist das dann genauso eine politische Aktion, wie wenn ich Lebensmittel stehle?
Hierbei sage ich erstmal: Es ist schwierig.
Das Stehlen eines Handys kann wahrscheinlich eine politische Aktion sein. Aber ebenso auch nicht. Wobei ich denke, das ein solcher Ladendiebstahl eher keine politische Aktion darstellt, da die Motive hierfür wahrscheinlich eher der Konsumlust entstammen. An dieser Stelle kommen wir nämlich zu der schmalen Grenze zwischen politischer Aktion und Reproduktion von Kapitalismus und Konsum. Ein Diebstahl, der davon getrieben ist, sich selbst zu bereichern, ist dann nur noch eine Reproduktion von Kapitalismus und Konsum. Es fällt (mir) schwer, dabei eine klare Grenze zu ziehen, da die Lebensrealitäten sehr unterschiedlich sind. Was für mich Luxus ist, kann für eine andere Person Notwendigkeit sein. Oder umgekehrt. Ein Laptop ist für mich z.B. eine Notwendigkeit, da ich als Informatik-Student darauf meine Hausarbeiten schreibe und programmiere. Ein Handy hingegen ist für mich prinzipiell entbehrlich. Ausgehend von meiner Lebensrealität kann ich aber sagen, das es keine politische Aktion wäre, würde ich ein Handy stehlen. Es wäre auch keine politische Aktion, würde ich einen Laptop stehlen, obwohl meiner noch einwandfrei funktioniert und ich keine Einschränkungen, wegen z.B. zu geringer Leistung, habe.
Was aber, wenn ich ein Handy stehle, das gar nicht für mich bestimmt ist? Was, wenn ich es anschließend als Geschenk verpacke und an eine mir wichtige Person verschenke? Oder es verkaufe? Oder wenn ich es als Demo-Handy nutze? Oder einer Aktionsgruppe überlasse?
Naja, das ist wieder so eine Sache. Wenn ich etwas stehle und es dann als Geschenk verpacke, dann stille ich damit lediglich ein Konsumverlangen. Ich möchte einer Person, egal ob diese mir nun wichtig ist oder nicht, ein Geschenk machen. Um das zu tun, schenke ich ein Stück Technik. Etwas, das keinerlei persönliche Note (abgesehen von der Verpackung vielleicht) hat. Diese Person könnte sich in vielleicht einem Jahr nicht mal mehr daran erinnern, das dieses Stück Technik von mir stammt. Aber es soll eine Zuneigung oder etwas vergleichbares ausdrücken. Die Konsumgesellschaft hat einem solchen Geschenk das Label aufgebrannt „Je teurer, desto mehr bist du der schenkenden Person wert“. Eine politische Aktion ist hierbei also nicht zu sehen. Wenn ich es verkaufe, ist wieder die Frage nach dem Motiv bzw. nach meiner Lebensrealität. Wenn ich Geldsorgen habe, die ich anders nicht oder nur schwerlich (Nein, Arbeiten ist nicht immer eine Lösung) lösen kann, ist ein Diebstahl wieder ok. Allerdings kann es auch sein, das es sich hierbei um keine politische Aktion handelt, da hierbei der kapitalistische Kreislauf reproduziert wird und lediglich die Anschaffung der zu verkaufenden Ware kostenneutral gestaltet wurde. Also wieder so eine Sache. Bei den letzten beiden Fragen, also der Nutzung als Demo-Handy oder Weitergabe an eine Aktionsgruppe, halte ich alle Punkte für eine politische Aktion für erfüllt. Schlichtweg, weil die gestohlene Sache für eine politisch motivierte Verwendung bestimmt ist. Und zumindest im Falle eines Demo-Handys kann es nicht schaden, nicht an dem Gerät zu hängen, um es im Notfall auch mal gezielter „einzusetzen“.
Di:er Schreiber_in des Indy-Artikels, stellte allerdings noch zur Diskussion, ob der Diebstahl eines Computerspiels tragbar ist. Als erstes käme hier die Frage danach, was mit einem Computerspiel, oder vergleichbaren immateriellen Dingen, politisch getan werden kann. Sicherlich gibt es da einige Ideen. Bei diesem konkreten Beispiel würde mir z.B. die Unterstützung eines (linken) Jugendclubs in den Sinn kommen.

Fazit bis hier hin:
Der Ladendiebstahl als politisch antikapitalistische Aktion ist im Grunde immer zu rechtfertigen. Zu kritisieren ist diese Aktionsform nur, wenn sie der selbst-bereicherung und somit der Reproduktion von Kapitalismus und stillen von Konsumlust dient. Es ist dabei gleichgültig, wo die Aktion durchgeführt wird. Es gibt keine „guten“ oder „schlechten“ Kapitalist_innen. Der Kapitalismus an und für sich ist schlecht und somit auch jene, welche ihn ausüben.

Was fehlt…
…ist eine fundierte Kapitalismuskritik. Da es sich um eine antikapitalistische Aktion handelt, sollte ich eigentlich eine Kapitalismuskritk mit formulieren. Allerdings gibt es dazu schon so einiges. Noch dazu ist das meiste davon sicherlich besser und ausführlicher geschrieben als das, was ich dazu schreiben könnte. Zumindest, ohne mich einige Zeit dafür hinzusetzen.


Für nachfolgenden Teil dieser Hinweis:
Geschrieben aus der Sicht eines weißen Cis-Mannes mit deutscher Sozialisation.

Aktionsformen & Tipps
Die Aktion des Ladendiebstahls kann verschiedenartig durchgeführt werden. Allein, in der Gruppe oder als Teil einer größeren Aktion. Einmalig oder Wiederkehrend. Spontan. Geplant. Laut oder Leise. An dieser Stelle möchte ich ein paar Formen beschreiben, die mir begegnet sind und ein paar Tipps geben, die helfen können.

Gruppenaktion
Als Gruppe gibt es, je nach Gruppengröße, verschiedene Möglichkeiten. Dabei kann die Faustregel „Je größer, desto Lauter“ genutzt werden. Wenn z.B. eine Gruppe von 20 Leuten einen Ladendiebstahl durchführt, kann dieser auch offensiv und laut stattfinden. Es können dabei z.B. ganze Einkaufswägen mit Lebensmitteln beladen und einfach aus dem Ladengeschäft geschoben werden. Durch die Masse ist dabei nicht mit nennenswerten Widerstand seitens der Angestellten zu rechnen. Zumal viele Unternehmen ihre Belegschaften anweisen, keinen Widerstand zu leisten, sollte irgendeine Gefahr bestehen (sonst zahlt die Versicherung nämlich nicht bzw. versucht sich zu weigern). Bei solch größeren Aktionen ist allerdings darauf zu achten, eine Kopfbedeckung zu tragen, welche das Gesicht etwas verdeckt (z.B. Basecap). Kameras hängen fast immer an der Decke und haben dadurch einen, normalerweise, vorteilhaften Blick aus der Vogelperspektive. Deren Auflösung ist aber oft weit unter HD-Niveau. Dadurch können Gesichter aus größerer Entfernen als evtl. 4-5m oft nicht mehr gut betrachtet werden.
Wenn ihr nur eine kleine Gruppe seid, oder die Aktion einfach grundsätzlich leise durchführen wollt, bieten sich Grüppchen von ca. 3-4 Leuten an. Alle mit einem (größeren) Rucksack. In den Rucksäcken können dann entsprechend Waren verborgen werden. Wenn dann eine Person aus der Gruppe lediglich eine handvoll Waren an der Kasse bezahlt und sich dabei angeregt mit den anderen unterhält, erweckt das in aller Regel keinen Verdacht.

Transport
Bevor ich zur Einzelaktion übergehe, hier ein paar Dinge dazu, wie Waren am besten innerhalb des Ladengeschäftes transportiert werden sollten und wie sie am besten nach draußen gebracht werden können.
Wie eben schon angeklungen, sind Rucksäcke sehr nützliche Hilfmittel. Nur wenige Unternehmen verbieten Rucksäcke in ihren Ladengeschäften. So z.B. MediaMarkt oder expert. Bei beiden ist das Einschließen in bereitgestellten Schließfächern aber trotzdem freiwillig. Auch gibt es keine Taschenkontrollen. Zumal diese ohne das ausdrückliche Einverständnis der besitzenden Person gar nicht gemacht werden darf. Trotzdem sollten nicht zu offensichtliche Rucksäche genutzt werden. Es bietet sich an, Rucksäcke zu nutzen, die eine verstärkte Wand haben und somit leer und gefüllt genauso aussehen. Hinzu kommt, das zu große Rucksäcke aufsehen erregen. Also am besten keinen Wanderrucksack mitnehmen, sondern einfach den alltäglichen für Schule/Uni/Ausbildung/Whatever. Wichtig ist einfach, das der Rucksack zum Gesamterscheinungsbild passt.
Vorallem in Lebensmittelgeschäften ist es egal, wann die Waren in den Rucksack gepackt werden. Es empfiehlt sich, keinen Korb o.ä. zu nutzen, sondern einfach die Hände voll zu packen. Kann nicht mehr getragen werden, einfach abstellen, in den Rucksack und Rucksack geöffnet rumtragen. Dann ein-zwei Gänge weiter, wenn grad niemand hinsieht, Rucksack zu machen und weiter gehts. Grundsätzlich sind die Leute zu sehr mit dem eigenen Einkauf beschäftigt als das sie mehr als notwendig auf den anderer achten. Kameras können dabei vernachlässigt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dadurch entdeckt zu werden, ist sehr gering. In der Regel flimmern die Kamerabilder auf Bildschirmen im Büro der Marktleitung und werden nicht beachtet. Nur sehr selten sitzt jemand vor den Monitoren. Die Wahrscheinlichkeit steigt aber, je „vorsichtiger“ die Marktleitung in Sachen Diebstahl ist. Im Allgemeinen dient die Kameraüberwachung aber nur der Aufklärung und nicht der Ergreifung.
Hosentaschen eignen sich übrigens auch hervorragend für kleinere Dinge.

Einzelaktion
Bei Aktionen, die alleine durchgeführt werden, ist mehr vorsicht gefragt. Aber hier gilt um so mehr: Nicht auffallen! Wer sich oft suchend umsieht, unsicher wirkt und immer wieder scheinbar willkürlich die Richtung wechselt, erzeugt aufsehen. Manchmal hilft es, sich mental Scheuklappen aufzusetzen und sich vorzustellen, einfach alleine im Ladengeschäft zu sein. Oder am Anfang mit einer anderen Person gemeinsam reingehen und sich erstmal ein wenig auszuprobieren. Auf jedenfall sollte als Ausgang der Weg durch die Kasse genommen werden. Das erweckt, auch gegenüber Sicherheitspersonal, immernoch am wenigsten Aufsehen. Allerdings sollte hierbei eine Ruhe bestehen, wie sie bei einem normalen Einkauf auch besteht. Eine Möglichkeit kann das ausblenden der Ware sein, die nicht bezahlt werden soll. Eine andere wäre pures Training. Immer wieder das Pokerface üben.
Vorallem in Kaufhäusern, die keine zentralen Kassen haben (z.B. Kaufhof), können (vorallem größere) Waren auf einfach offen aus dem Ladengeschäft herausgetragen werden. Grundsätzlich wird sich niemand in den Weg stellen. In der Regel gehen Verkäufer_innen davon aus, das die Ware bezahlt ist. Auch, wenn sie nicht in einer Tüte steckt. Die einzige Person, welche sich in den Weg stellen könnte, wäre ein_e Ladendetektiv_in.

Erwischt werden
Beim Ladendiebstahl gilt das selbe wie bei den meisten anderen Straftaten auch: Sie müssen abgeschlossen sein, bevor eine Anzeige gestellt werden kann. Laut dem §242 StGB (oben zitiert) ist auch der Versuch strafbar. Trotzdem warten Ladendetektiv_innen ab, bis das Ladengeschäft verlassen wurde. Das gibt ihnen nämlich rechtliche Sicherheit. Schließlich kann ja noch behauptet werden, es war kein Diebstahl beabsichtigt, sondern die Ware nur der bequemlichkeit halber im Rucksack verstaut worden. Oft versuchen Ladendetektiv_innen eine_n mutmaßliche_n Ladendieb_in festzuhalten (ziehen an der Jacke, Rucksack, etc.). Grundsätzlich dürfen sie das. Das muss sich aber trotzdem niemand gefallen lassen. Vorallem nicht, wenn di:er Ladendetektiv_in sich nicht ausreichend und im Vorfeld als solche_r zu erkennen gibt. Sich losreißen ist trotzdem den Versuch wert. Denn gelingt die Flucht, ist die Angelegenheit erledigt. Ladendiebstahl ist nur strafbar, wenn di:er Täter_in auf frischer Tat ertappt wurde. Schließlich kann die Ware ja auch woanders gekauft worden sein. In jedemfall gilt Mund zu, Ohren und Augen auf. Ein_e Ladendetektiv_in hat kein Recht irgendetwas zu verlangen. Das wird von diesen Leuten gerne „vergessen“ und sie verhalten sich wie Polizist_innen. Das einzige, was Ladendetektiv_innen wirklich dürfen, ist jemand an Ort und Stelle festzuhalten und warten, bis die Polizei eintrifft.
Außerdem fragen Ladendetektiv_innen gerne, ob auch andere Sachen gestohlen wurden. Auch hierbei gilt: Mund zu! Ein Ladendiebstahl ohne Beweise (dazu zählt auch eine Zeug_innenaussage, das di:er Täter_in gesagt hat) ist nicht (bzw. schwer) nachweisbar. Solange es sich nicht um so Dinge wie Autos handelt. Und solange keine Anzeichen bestehen, di:er Täter_in hätte den Keller voller gestohlener Waren dieses Unternehmens, kann keine Anzeige erstattet werden. Ladendiebstahl ist übrigens eine Straftat, die von der Polizei nicht eigenständig zur Ermittlung aufgenommen werden kann. Dafür muss eine Anzeige des_der Geschädigten vorliegen.

Lästige Sicherungen
Dinge wie z.B. Kleidung haben in der Regel Sicherungen angebracht, um einen Diebstahl hörbar zu machen. Wenn diese Sicherungen durch eine Magnet-Schranke am Ein-/Ausgang getragen wird, fängt die Schranke an zu piepsen. Meistens sind solche Sicherungen durch magnetische Verschlüssel befestigt. Mit einem entsprechend starken Magneten lassen sich diese Sicherungen aber auch entfernen. Generell basieren sehr viele Warensicherungen auf Magnetismus. Der Unterschied ist immer nur die Stärke des benötigten Magneten und wo dieser ansetzen muss. Manche sind dabei besonders kreativ gestaltet und brauchen mehr als einen Magneten an einer Stelle. Andere hingegen fallen schon auseinander, wenn ein Magnet in die Nähe kommt. Es gibt auch mechanische Sicherungen. Diese lassen sich, mit etwas geschick, aber auch recht einfach lösen. Oft handelt es sich dabei um mehrere Haken, die einen Verschluss bilden und durch zeitgleiches runterdrücke diesen Verschluss freigeben. Hierbei braucht es ein Stück festen Draht, der in die jeweilige Form gebogen werden kann. Dann etwas Fingerspitzengefühl und fertig. Zudem gibt es oft kleine weiße Klebestreifen, auf denen oft ein Strichcode aufgedruckt ist. Dort sind ein paar Metalstreifen eingearbeitet, die an der Magnet-Schranke einen Alarm auslösen. Diese können, wenn sie erreichbar sind, einfach abgerissen werden. Oft werden sie auch in mechanischen Sicherungen eingesetzt, wo sie im Plastikkasten angeklebt werden, damit diese Kästen nicht einfach mit gestohlen werden. Alles in allem ist aber jede Sicherung knackbar und mit etwas Kreativität auch recht schnell.


[1] http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__242.html
[2] http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/recht-a-z/22017/diebstahl
[3] http://de.indymedia.org/2003/01/38215.shtml

Der Hedonismus ist das Mindeste

Es ist eigentlich immer wieder the same old story. Es wird ein Haus besetzt und dann wird in diesem Haus erstmal eine Party gemacht, zu der via Twitter, Facebook oder sonstwie eingeladen wird. Dank dieser Einladung kommen dann Leute zum Haus, feiern schön und es wid gehofft, das durch die Anzahl der Leute die Polizei keine Räumung durchführt. Meistens stimmt das auch, denn die Polizei räumt dann entweder noch schnell, bevor die Party beginnt oder wartet einfach, bis die Party zu ende ist. Und was hat das alles dann gebracht? Nichts!

So geschehen schon unzählige male. Die meisten ohne jegliche Berichterstattung in den Medien. In Frankfurt/Main ist es dieser Tage mal wieder soweit, das dieses Spiel wieder stattfinden könnte. Gestern (20.04.2014) wurden am frühen Abend (gegen 17h) im Frankfurter Stadtteil Gallus zwei Häuser von Aktivist_innen besetzt. In der Weilburger Straße wurde die Besetzung als „Büro für unlösbare Aufgaben“[1] deklariert, während in der Hohenstaufenstraße ein neues „Institut für vergleichende Irrelevanz (IvI)“ als „IvI Resurrection“[2] aufgemacht wurde. Beide Häuser wurden recht schnell besetzt und es wurde bereits zu einer Demo aufgerufen, falls beide Häuser wieder geräumt werden. Unter dem Motto „X+2“ wird zu einer Demo zwei Tage nach der Räumung des zweiten Hauses aufgerufen (Opernplatz, 19h).

So weit, so gut…oder so
Die Besetzung alleine ist nicht der Grund, warum ich diesen Blogpost schreibe. Ich finde es gut, das in Frankfurt/Main mal wieder was läuft. Die aktuellen Besetzungen sind ja auch nicht die ersten in diesem Jahr. Als jüngstes Beispiel wäre da die „L__rst*ll*“[3] genannt. Aber wie gesagt, darum geht es primär nicht. Es geht um die ‚Kultur‘, würde ich fast sagen. Die Art und Weise, wie für diese Besetzungen geworben wird und was das über die örtliche Szene aussagt. An dieser Stelle möchte ich einfach mal zwei Tweets der „IvI Resurrection“-Besetzung dokumentieren:

Außerdem das „Büro für unlösbare Aufgaben“:

Diese Tweets sind für mich Beispiele der Verdrehung dessen, was eine Hausbestzung eigentlich ist. Hier, bzw. in Frankfurt/Main generell, werden Hausbesetzungen immer wieder zu Party-Events umgedeutet. Warum das gemacht wird, kann ich nur vermuten. Wahrscheinlich liegt es daran, das der Hedonismus sich in Frankfurt/Main einfach breit gemacht hat und Unterstützer_innen nur angelockt werden können, wenn es eine Party oder ähnliche Spaß-Angebote gibt. Der Widerstand gegen die Polizei wird ebenfalls als Spaß-Angebot deklariert. Klar, es wird immer wieder gesagt „Passt auf euch auf!“ aber hey, es ist doch verdammt lustig in der ersten Reihe vor den Bulln zu stehen und zu versuchen diese anzunerven.

Warum sollte Hedonismus ein Problem sein?
Es gibt einen einfachen Grund, warum Hedonismus ein Problem ist: Ganz einfach, weil dadurch die ernsthafte politische Praxis, die notwendig ist, aufgebröselt und vernachlässigt wird. Wenn der Spaß wichtiger als die politische Aktion wird, sollte eins sich aus der Politik zurückziehen und nur noch zu Soli-Parties gehen. Es ist ein Problem, wenn z.B. Hausbesetzungen nur durchgeführt werden können, wenn es ein Spaß-Angebot gibt. Vielleicht kommen so mehr Aktivist_innen mit, aber dann bleibt die Frage, was das für Aktivist_innen sind, die nur mitmachen, wenn sie Spaß dabei haben können?!

Hedonismus ist ein Problem, weil dadurch der ernste politische Kampf ins lächerliche gezogen wird. Di:er Antagonist_in, gleich ob abstrakt „das System“ oder konkret „die Polizei“, geht mit sehr viel Ernst an solche Sachen heran. Wenn vor einer Hausbesetzung auf der Straße eine Menschenmenge von Unterstützer_innen von der Polizei teils gewaltsam zurückgedrängt wird, dann ist das nicht spaßig. Das ist weder witzig noch lustig. Das ist sehr sehr große Scheiße. Die vor Ort befindliche Polizei weiß das und deswegen macht sie das auch. Es wird die altbekannte Taktik „Teile und Herrsche“ angewendet. Wenn die Leute im Haus nur noch via Internet oder Telefon erfahren können, das es da draußen Unterstützer_innen gibt, dann soll damit deren Durchhaltewille gebrochen werden. Das selbe bei der Angelegenheit mit der Blockade von Nachschub. Der Polizei ist es doch vollkommen egal, ob da drinnen Leute sitzen, die einfach nur eine spaßige Hausbesetzung miterleben wollten. Die Polizei will, das diese Leute aus dem Haus kommen. Und wenn sie das nicht freiwillig machen, dann wird die Polizei reingehen und sie wenn nötig an den Haaren heraus ziehen (ist schon passiert!). Also: Kein Spaß!

Hedonismus ist ein Problem, weil dadurch der ernste politische Kampf gegen „Staat, Nation, Kapital“ verhindert wird. Warum sollte der Staat etwas gegen Menschen unternehmen, die sich regelmäßig mit Alkohol oder anderen Drogen zuknallen und nichts auf die Reihe bekommen? Solche Leute dienen dem Staat doch lediglich als Vorzeige-Feinde. Auf solche Leute kann der Staat mit dem Finger zeigen und sagen „Liebe angepasste Gesellschaft. Seht ihr diese Gestalten? DAS SIND DIE SCHLECHTEN!!!“ Und dank der bekannten Sozialisierung der Gesellschaft wird das (klein-)bürgerliche Milieu sagen „Ja, das sind die Schlechten. Ich werde niemals wie sie und ich werde sie niemals unterstützen.“ Dank dem Hedonismus bekommt der Staat also nur eine einfache Argumentationsgrundlage geliefert, die gegen den politischen Kampf eingesetzt werden kann.

Hedonismus ist ein Problem, weil dadurch die Sicht auf das wesentliche vernebelt wird. Im Hedonismus wird die Sicht auf das genommen, was wichtig für den politischen Kampf ist. Drogen jeder Art lenken nur ab. Wir leben in einer Welt mit einer schier unendlichen Zahl von Sachzwängen. Allein diese halten uns schon mehr als genug vom politischen Kampf ab. Warum sollte ich mir dann noch zusätzliche Ablenkungen schaffen?! Alkohol, Gras, Zigaretten, LSD, XTC, und was sonst noch alles durch die linke Szene auf diesem Fleck Erde geistert. All das sind Ablenkungen von dem, was es eigentlich zu erreichen gilt.

Von Adorno stammt „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“
Das verstehe ich so, das wir im falschen Leben, also innerhalb der kapitalistischen und sonstiger Sachzwänge, uns nicht unser Paradies bauen können. Wenn Aktivist_innen also Drogen konsumieren, um einen lockeren Abend zu haben oder um aus der Alltagsscheiße zu fliehen, dann will ich mit diesen Menschen keinen politischen Kampf betreiben. Denn diese Menschen haben für mich den Blick für das Wesentliche verloren. Es ist wichtig, ein Ziel zu haben. Aber wenn eins beginnt, dieses Ziel schon in den politischen Kampf einzubauen, dann verschwimmt dieses Ziel.

Während ich diesen Blogpost schrieb, wurde mir folgendes Zitat zugetragen:

Das Proletariat ist eine aufsteigende Klasse. Es braucht nicht den Rausch zur Betäubung oder als Stimulus. So wenig den Rausch sexueller Übersteigerung als den Rausch durch Alkohol. (…) Es braucht Klarheit, Klarheit und nochmals Klarheit. Deshalb, ich wiederhole es, keine Schwächung, Vergeudung, Verwüstung von Kräften.
Lenin, im Gespräch mit Clara Zetkin

Auch, wenn ich mich sonst nicht als Fan von Lenin bezeichnen würde, stimme ich dieser seiner Ansicht zu. Mit einem kleinen Sprung kommen wir damit auch zum nächsten Knackpunkt:

»Schon ein kleines bischen!«
Es gibt ja das Sprichwort, welches besagt „Die Menge macht das Gift!“. So könnte eins es natürlich auch bei der Sache mit Drogen und Party sehen. Beim Thema Drogen sage ich ganz klar: Ne! Die Sache mit der Party ist dann aber schon etwas anderes. Es ist nichts dagegen einzuwenden auch mal hin und wieder eine Party zu feiern oder einfach mal Spaß zu haben. Dabei darf der Spaß aber niemals wichtiger als der politische Kampf werden. Wenn politische Aktionen nicht stattfinden, weil es zur selben Zeit eine Party gibt oder, eigentlich noch schlimmer, politische Aktionen nur stattfinden, damit im Anschluss eine Party gefeiert werden kann. Spätestens dann ist die politische Praxis vom Kampf für etwas besseres zu einem Vorwand zum Spaß haben verkommen. Und das beobachte ich leider immer wieder. Es gibt politische Gruppen, die sich in theoretischen Auseinandersetzungen verlieren, und keine Praxis machen. Es gibt auch Gruppen, die außer Praxis nichts geschafft haben. Manchmal gibt es auch Gruppen, die eine Balance zwischen beiden ganz gut hinbekommen, aber auch eher mit Mühe aufrecht erhalten. All das sind notwendige Dinge, die es im politischen Kampf einfach braucht. Es kann nicht DIE Gruppenstruktur geben. Jede Gruppe sollte ihre ganz eigene Entwicklung absolvieren um so ihre Struktur zu finden. Dieser Entwicklungsprozess wird dann aber oft durch Party- und/oder Drogen-Exzesse entweder behindert, verhindert oder es wird dadurch existierendes zu Nichte gemacht.

Was ich eigentlich sagen will
Viele Worte um eigentlich eine Sache. Zwar bezeichne ich mich als Straight Edge, aber deswegen fordere ich das nicht auch von anderen. Was ich mir einfach Wünsche ist, dass sich alle Aktivist_innen bzw. alle, die sich so sehen, regelmäßig die Frage stellen „Was ist mir wichtiger: Party oder Politik?“ Eins könnte es auch die „P-Frage“ nennen. Ich bin der Ansicht, wenn sich Menschen bewusst für den aktiven politischen Kampf entscheiden, ist der Drogenkonsum nicht das Problem (und ist dann auch nicht sonderlich groß). Menschen, die sich allerdings bewusst für Drogenkonsum entscheiden, sehe ich als jene, die aufgegeben haben und dem Druck, den „das System“ auf sie ausübt, nicht stand halten (konnten). Das passiert, keine Frage. Aber muss es denn freiwillig passieren?


[1] http://unloesbareaufgaben.wordpress.com/2014/04/20/pressemitteilung-buro-fur-unlosbare-aufgaben-eroffnet-2/
[2] https://iviresurrection.wordpress.com/2014/04/20/kritisches-denken-braucht-und-nimmt-sich-zeit-und-raum-ein-jahr-ohne-ivi-ist-genug/
[3] http://leerstelle.blogsport.eu/

Der Terminus manifestiert den linguistischen Antagonismus bezüglich habitualer und elitärer Syntax

Dieser Blogpost enthält Spuren von Wut.

Der Titel klingt absichtlich scheiße. Im Endeffekt will ich damit nur sagen: Nicht nur der Ton macht die Musik, sondern auch die verwendeten Worte.

Ja, ich studiere was mit Informatik.
Ja, ich verstehe das ein und andere in diesem Bereich,
Ja, lese und verstehe Fachbücher zu meinem Fachgebiet.
Nein, ich weiß nicht alles was mit Informatik zu tun hat.
Nein, ich beschäftige mich nicht mit allem was mit Informatik zu tun hat.
Nein, ich verstehe dich nicht, wenn du von deinem Fachgebiet der Informatik sprichst.
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Things that never ends: Selbstreflektion

Triggerwarnung
Dieser Text behandelt den Umgang mit und die Reflektion von sexualisierter Gewalt!

Vor ein paar Monaten, als #aufschrei auf Twitter aufkam, schrieb ich einen Blogpost zu meiner Rolle als Täter[1]. Damals hatte ich den Vorteil, mich in einer komplett neuen Umgebung zu befinden. Ich befand mich also nicht in meinem gewohnten Umfeld von Stadt oder Personen. Somit fiel es mir vergleichsweise einfacher über mich und meine Handlungen sowie deren Auswirkungen nachzudenken.

Zu dieser Zeit war mir das allerdings noch nicht klar. Erst als ich wieder in mein gewohntes Umfeld zurückkam und auch wieder auf Menschen traf mit denen ich zuvor (persönlich/politisch) zu tun hatte. Das ist mir aber nicht sofort aufgefallen, sondern erst später. Zunächst fiel mir nur auf, das ich mich teilweise mackrig Verhalte (raumeinnehmendes Sitzen z.B.) oder meinem Anspruch einer gendergerechten Sprache nicht gerecht werde (ursprünglich englische Worte als englische behandelt und diese nicht gegendert obwohl sie mittlweile eingedeutscht sind z.B.). Als ich ’neue‘ Menschen kennenlernte, passierte folgendes: Menschen, die ich im bekannten sozialen Umfeld neu kennenlernte, verhielt ich mich gegenüber eher so wie ich es schon 1-2 Jahre zuvor tat. Menschen, die ich allerdings außerhalb meines bekannten sozialen Umfeldes neu kennenlernte, verhielt ich mich gegenüber nun verändert. Das fiel mir aber auch erst etwas später auf.
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I don’t get IT – „Haben Sie Referenzen?“

Ich kann mich noch sehr genau an die Worte des Prodekan während der Einführungsveranstaltung für mein Informatik-Studium erinnern. Er empfahl uns neben dem Studium nicht arbeiten zu gehen. Wir würden die Zeit für das Studium brauchen, um besser lernen zu können. Schon damals dachte ich mir, wie weltfremd diese Empfehlung doch ist. Für Studierende wie mich, die kein BAföG bekommen und von den Eltern nur minimal unterstützt werden, ist es notwendig neben dem Studium zu arbeiten.

Also begann ich damit, mir einen Job zu suchen. 400€-Basis, nur ein paar Stunden pro Woche. Am besten natürlich etwas, das mit meinem Studium zu tun hatte. Dafür klapperte ich alle mittelständischen IT-Unternehmen in der Umgebung ab. Verschickte Initiativbewerbungen und fragte bei Freund_innen und Bekannten rum. In den seltensten Fällen erhielt ich von den Unternehmen eine Antwort. Wenn doch, dann war es eine Absage. Entweder hätte man keine Möglichkeit eine Aushilfe einzustellen oder man wolle schlicht nicht. Ein Unternehmen machte mir in der Antwort sogar unmissverständlich klar, ich solle auch in Zukunft nicht wegen offenen Stellen anfragen. Am Ende landete ich in einem Logistikunternehmen. Dort arbeitete ich im Lager und schleppte Kisten hin und her, be- und entlud LKW’s und bekam 7,50€/Std. Nach 2 Semestern musste ich die Stelle studienbedingt kündigen. Jetzt kann ich wieder eine Stelle annehmen und hab es nötiger als je zuvor. Also machte ich mich wieder auf die Suche. Diesmal dachte ich mir, das die Unternehmen jetzt wahrscheinlich offener für mich wären, da ich ja schon was kann. Tja, falsch gedacht. Auch diesmal klapperte ich wieder einige Unternehmen ab. Diesmal auch größere und vorallem jene, die meinem Schwerpunkt entsprechen. Außerdem ließ ich mir eine originelle Form für das Bewerbungsschreiben einfallen. All das führte zumindest dazu, das ich von mehreren Unternehmen eine Antwort erhielt. Diese Antwort war aber keine Einladung zu einem Gespräch oder sonst etwas. Es war die Frage nach Referenzen, nach Projekten die ich gemacht hatte und anderen Beweisen das ich etwas kann. Nach meinen Studiums-Noten hat nur ein Unternehmen gefragt. Allen Unternehmen, die Referenzen wollten, hatte ich geschrieben, dass ich keine Projekte habe. Das ich mich außerhalb des Studium nicht ins Labor gesetzt habe und Software schrieb oder sonstiges tat. Daraufhin erhielt ich keine Antwort mehr. Letztendlich wird es wohl so aussehen, das ich wieder einen Job machen werde, der mit meinem Studium nicht ansatzweise etwas zu tun hat. Vielleicht räume ich ja diesmal Regale im Supermarkt ein. Für 5€/Std. Wer mich kennt, weiß das ich keineswegs der beste Student bin, den meine Uni jemals gesehen hat. Aber ich bin auch nicht der schlechteste. Nach meinem Bewerbungs-Marathon habe ich den Eindruck, die Unternehmen interessieren sich kein bischen für die Studiums-Noten. Eine Einstellung, die ich grundsätzlich ok finde. Würden die Unternehmen wenigstens Bewerber_innen eine Chance geben, sich zu beweisen. Allen Unternehmen habe ich Angeboten ein 1-2 wöchiges Praktikum zu machen, um sich gegenseitig kennenzulernen. Antwort natürlich fehlanzeige.

Referenzen? Guck‘ mal auf die Uhr, ey!
Immer, wenn ich nach Referenzen gefragt werde, stelle ich mir die Frage, wo ich die Zeit für so etwas her nehmen soll. Mein typischer Studien-Tag(während der Vorlesungszeit) ist 9h lang. Davon sind grob 50% sitzen in Vorlesungen und die anderen 50% sind irgendwo sitzen und versuchen zu lernen. Schlafen muss ich ja auch noch irgendwann und den Kopf frei kriegen (durch TV, Internet, Sport, etc.) ist ja auch wichtig. Letztendlich ist, zumindest für mich, das Studium nicht anders als jede x-beliebige Lohnarbeit. Du stehst morgens auf, rennst an einen Ort um dich bequatschen zu lassen, ackerst dich dann ab um Leistung zu bringen und wenn du wieder nach hause kommst, willst du nur noch abschalten. Was bin ich froh, das ich ein Smartphone habe und während den Vorlesungen surfen kann. Das fördert zwar nicht meinen Studien-Erfolg, aber zumindest verhindert es, das ich vor lauter Streß auf der Strecke bleibe. In betrachtung dieses nicht-Zeit-haben’s frage ich mich dann auch, in welcher Realität Unternehmen leben, die ohne Referenzen keine Studierenden näher betrachten wollen. Über mich kann ich getrost sagen, das ich Durchschnitt bin. Die Unternehmen suchen aber immer die Leute, die über dem Durschnitt sind. An meiner Uni gab es in der Fachschaft einen Studenten, der in einem Semester 14 Module gemacht hat. Das konnte er aber nicht machen, weil er total der krass intelligente Kerl war/ist. Er hatte diese ganzen Sachen einfach schon vor dem Studium schon größtenteils gelernt und musste dann nur noch in den Vorlesungen sitzen und wissen, was di:er Dozent_in verlangt. Meines Wissens ist er jetzt auch irgendwo im Land bei einem Forschungsprojekt gelandet. Solche Studierenden sind aber bekannterweise die absolute Ausnahme. Mir aber kommt es so vor, als würden Unternehmen solche Menschen als Norm betrachten. Noch dazu frage ich mich, wie ich mir Referenzen erarbeiten soll, wenn ich (abgesehn von keiner Zeit dafür) auch noch keine Möglichkeit habe, an Equipment zu kommen. Schließlich bewerbe ich mich nicht nur als Werkstudent oder Aushilfe, weil ich Geld brauche. Dafür kann ich auch einfach am Imbiss Döner verkaufen. Ich bewerbe mich bei IT-Unternehmen, weil ich Praxis und Erfahrung sammeln will. Eine Stelle bekomme ich aber nur, wenn ich Praxis und Erfahrung bereits nachweisen kann.

Bachelor ist scheiße – Ich hab die Beweise
Das Bachelor/Master-System wurde ja eingeführt, um Uni-Abschlüsse international vergleichbar zu machen. Ebenso um das Studium zu verkürzen. Es hieß, die Studierenden sollten durch den Bachelor-Abschluss einen Job finden können. Ich für meinen Teil kenne niemanden di:er mit einem Bachelor einen Job gefunden hat. Zumindest nicht als das, was si:er studierte. Noch dazu wird das Wissen, bzw. die Information, versucht den Studierenden ins Hirn zu pressen. In meinem zweiten Semester hatte ich einen älteren Dozenten, der sich in mindestens jeder zweiten Vorlesung über das Bachelor/Master-System aufregte. Vorallem, weil er gar keine Zeit mehr hat wichtige Inhalte entsprechend zu behandeln, das wir Studierenden das auch ordentlich verstehen. Andere Dozierende wussten gar nicht, das bestimmte Module durch die Umstellung aus dem zweiten ins erste Semester verlegt wurden und somit parallel laufen. Wobei diese beiden Module teilweise aufeinander aufbauen. Selbst der Prodekan, welcher bei uns die Stundenpläne und Curriculas managed, wusste nicht in welchem Semester welche Module angesiedelt sind. Organisation? Ach pff…

Rage against the Study
Ich für meinen Teil bin jetzt jedenfalls soweit, auch wegen ein paar anderen Dingen, das ich genau das mache, was man eigentlich nicht machen sollte: Scheuklappen auf und irgendwie durchs Studium kommen. Vielleicht brenne ich irgendwann auch einfach meine Uni nieder. Das ist so mein Alternativplan.


Scheiß auf Tiefenanalyse! Wäre ich nicht der erste Mensch.

Wie im Refugee-Protest-Camp mit „Rape“ und anderen sexuellen Übergriffen umgegangen wird

Als das Refugee-Protest-Camp am Oranienplatz in Kreuzberg noch in den Kinderschuhen steckte, gehörte ich, wie viele andere, zu den Supporter_innen, die teils in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv waren oder auch einfach nur hin und wieder eine Schicht im Infozelt übernahmen. Ich verbrachte viel Zeit dort, eigentlich jede freie Minute. Schon von Anfang an waren wir Supporterinnen* vielen Anmachen, Sprüchen, Annäherungen und Berührungen von männlichen Refugees/ Supportern ausgesetzt. Ich persönlich habe mir Anfangs nicht so viel daraus gemacht, da ich nie ein Mensch mit Berührungsängsten war. Doch mit der Zeit, nach ein oder zwei Monaten, wurde das Verhalten auf Dauer doch sehr unangenehm. Es wurde wie selbstverständlich ein Arm um mich gelegt, wie selbstverständlich umarmte man sich, küsste man sich auf die Wange. Zu der freundschaftlichen und kuscheligen Umgangsweise im Camp passte dieses Verhalten sehr gut. Daher war es schwierig, erstens überhaupt diese Formen der Übergriffe als solche wahrzunehmen, genauso aber sich schließlich dagegen zu wehren. Ich bekam langsam mit, dass immer mehr Frauen*, die supporteten, vom Camp weg blieben. Im direktem Umfeld bekam ich einen konkreten Fall von Stalking mit, bei dem sich die Betroffene allerdings nicht wehrte, da sie Sorge hatte, als „weiße“ Supporterin* ihren Aufgabenbereich, nämlich einfach zu unterstützen, zu überschreiten. Weiterhin ging ich regelmäßig zu meinen Schichten, bestärkte die Betroffene darin, sich an jemanden innerhalb des Camps zu wenden, tat aber weiterhin nichts. Mein persönlicher Kontakt zu besonders einem Mann innerhalb der Campstruktur wurde sehr eng, bis es schließlich zu der Situation kam, dass er sich nahm, was ihm, seiner Ansicht nach, zustand.
Nachdem es mir gelungen war zu flüchten, wandte ich mich sofort an Menschen aus meinem direkten Umfeld. Ich hatte bis dahin aufgrund meiner politischen Auseinandersetzung mit sexuellen Übergriffen und „Rape“ sowie durch die feministische Erziehung meiner Mutter, gelernt, diesen Vorfall nicht für mich zu behalten, sondern mich an Menschen, denen ich vertraue, zu wenden. Das tat ich nun, ein Teil dieser Menschen waren ebenfalls Aktivistinnen* im Refugee-Protest-Camp. Die ersten Reaktionen auf mein Erlebnis waren erniedrigend und beschämend. Es reichte von „du bist ja auch freiwillig in die Wohnung gegangen“ bis „ich habe den Eindruck, du willst das“. Glücklicherweise gab es auch Menschen um mich herum, die mich großartig unterstützt haben und die mir eine Menge Kraft gegeben haben. Ich hatte für mich entschieden, nicht zur Polizei zu gehen, da ich mich den Verhören nicht aussetzen konnte und wollte. Trotzdem wollte ich nicht untätig bleiben und wandte mich an weiblich sozialisierte Personen innerhalb der Campstruktur, denen ich vertraute und zutraute professionell und verantwortungsvoll mit meiner Situation umzugehen. Was nun folgte, war fast schlimmer, als die Tat selbst.
Ich wurde gebeten, den Vorgang detailliert zu beschreiben. Es gab immer wieder Gespräche abwechselnd mit ihm und mir. Ihm wurde immer wieder die Möglichkeit gegeben, sich zu äußern, zu leugnen und mich als berechnendes Wesen darzustellen. Mir wurde ebenfalls detailliert berichtet, wie er die Situation geschildert hat. Der Vorfall wurde weder publik gemacht, noch wurde mir die Garantie gegeben, mich frei auf dem Gelände zu bewegen. Mit dem Resultat, dass ich nie wieder dorthin ging. Die Vorschläge reichten von „wir setzen uns alle gemeinsam zusammen und sprechen darüber, war doch alles nur ein Missverständnis“ über „beide Parteien tragen ihre Variante der Situation an unterschiedlichen Tagen vor dem Plenum vor und dieses entscheidet dann“ bis zu „beide Parteien treten gemeinsam vors Plenum und dann wird beraten“. Dieser Vorgang zog sich unglaublich lange hin und ich hatte währenddessen immer den Eindruck, dass er mehr geschützt wird als ich. Irgendwann also zog ich mich zurück, kapitulierte.

Warum ich nun doch möchte, dass diese Geschichte publik wird, liegt daran, dass ich hundertprozentig weiß, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits der dritte „Rape“-Fall innerhalb des Refugee-Protest-Camps war. Inzwischen ist die Anzahl der Fälle wohl gestiegen. Es heißt, dass sich in die besetzte Schule keine Frau* traut, da sie dort „sofort vergewaltigt würden“.
Es werden immer weniger Supporterinnen*, da vielen ähnliches zugestoßen ist und sie für sich entschieden haben, dem Camp den Rücken zu kehren. Ich habe ebenfalls Informationen darüber, dass es inzwischen Aufklärungs-Workshops zum Thema „Rape“ gibt, allerdings werden diese wohl überwiegend von Frauen* besucht und bilden keineswegs die Männer der Struktur.
Auch wenn mir bewusst ist, dass ich mit starken Anschuldigungen an das Camp und die organisatorische wie politische Struktur heran trete und damit eine Bewegung, die es ohnehin nicht leicht hat, gewissermaßen schwäche, halte ich es für wichtig darüber zu informieren, in welche Gefahr sich eine Frau* begibt, sobald sie sich dort engagiert.